Wie sehr sich die Empfindlichkeiten bezüglich der Wahl von Worten und dem verbalen Umgang mit Gesetzesbrechern seit dem Hessen-Wahlkampf verändert haben, wo wir alle so fein über Roland Koch das Näschen rümpften, zeigt Reinhard Müller in seinem Leitartikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 22.2.2008 (”Eigentum als Recht und Verpflichtung”) gut auf: Abschaum, Schmarotzer, Raubritter - gegen Steuersünder und “Steuerparadiese” (die sich keinerlei Unrechts schuldig gemacht haben) werden solche Begriffe auf höchster Ebene salonfähig. Es kommt halt in unserer schönen Berliner Republik immer darauf an, wer was sagt und gegen wen.
Mit dem Tenor des Rests des genannten Beitrages (und dem Tenor dieser Debatte in der veröffentlichten Meinung) bin ich aber nicht völlig einverstanden:
Es ist unbestreitbar eine unabdingbare Grundlage eines freiheitlichen Rechtsstaates, dass Gesetze und Regeln für alle gleich gelten, jeder sie einhalten muss, und Gesetzesübertretungen bestraft werden.
Aber dass Regeln auch einhaltbar sein müssen, und auch als wirklich gerecht empfindbar, kommt mir in Reinhard Müllers Artikel zu kurz: die Regeln dieses unseres Staates aber, die Steuerregeln zumal, sind zunehmend “unverständlich oder gar widersprüchlich”, sie sind zunehmend oppressiv, engen die freie Entfaltung des Bürgers ein, behindern sein Recht auf “Streben nach Glück”; der Anteil, den der Staat von Einkommen und Vermögen einer gar nicht so kleinen Minderheit rafft, ist ungerecht, inakzeptabel, erdrückend und stetig zunehmend; die Staatsverschuldung, die ja immer noch jährlich durch Neuverschuldung deutlich zunimmt, auch nicht im Ansatz abgebaut wird, greift erneut die nächsten Generationen dieser Minderheit ab, die vorher schon steuerlich um möglichst viel Erbe gebracht wurden. Steuerhinterziehung ist ein abscheuliches Verbrechen, Verschwendung und Vergeudung von Steuergeldern und unsolide Haushaltsführung aber sind ein Beruf.
“Sobald eine Regierungsform diesen Endzwecken (= Gewährleistung des Lebens, der Freiheit und des Strebens nach Glück) verderblich wird, es das Recht des Volkes ist, sie zu verändern oder abzuschaffen.” - so schreibt als ein Urdokument des freiheitlichen Republikanismus die amerikanische Unabhängigkeitserklärung - natürlich sollte nicht als Freiheitskampf verklärt werden, wenn Zumwinkel und Co. ihr Geld in Liechtenstein verstecken, aber ein wenig Verständnis für die Nöte und Sorgen derer, die es nicht mehr als “gerechten Anteil an der Steuerlast” sehen, wenn sie jährlich riesige Summen an den Fiskus abgeben sollen, sollten wir schon entwickeln:
Zehn Prozent der Bundesbürger zahlen heute die Hälfte der gesamten Einkommensteuereinnnahmen des Staates, 50 Prozent bezahlen 90 Prozent der Einkommensteuer, 20 Prozent zahlen praktisch nichts - das ist überhaupt nicht gerecht und völlig inakzeptabel! Es ist “der fundamentale Mangel jeder progressiven Besteuerung hervorzuheben, dass der Satz zu dem eine Minorität diskriminativ besteuert wird, von einer Mehrheit festgesetzt wird, die diese Steuer nicht trägt…Wenn einmal das Prinzip angenommen ist, dass höhere Einkommen zu einem höheren Satz zu besteuern sind, gibt es keine logische Grenze mehr, bis alle Einkommen über einem bestimmten Betrag weggesteuert werden.Das ist heute eine ganz allgemeine und auf allen Gebieten bestehende Erscheinung: je erfolgreicher jemand bereits gewesen ist, desto schlechter wird er für die gleiche Leistung entlohnt. Je fähiger ein Mensch, desto grösser wird die Abschreckung vor weiteren Leistungen, die das Steuersystem verursacht.” (F.A.Hayek, , Die Ungerechtigkeit der Steuerprogression, Schweizer Monatshefte, 1952).
Und auch wenn immer mehr Menschen in Deutschland das linke und feige Lied anstimmen und immer noch mehr Staat und staatliche Umverteilung fordern, so bleibt dies der falsche Weg und wird vielleicht zunehmend ein Beleg dafür, dass diese Form der Demokratie, die wir praktizieren, so zu einem gerechten Staatswesen nicht mehr wirklich taugt, dass wir zu viel und nicht qualifiziert genug davon gewagt haben. Um Robert A. Heinlein übersetzend zu zitieren: “Demokratie, das heisst vier Wölfe und ein Schaf besprechen den Speiseplan”. Was die ausgemerkelten (sic!) Unionsparteien dieser Tage anbetrifft, und all die Anderen, die in das Horn sozialistischen Eifers und rot-rot-grünen Neides blasen, so hat Giordano Bruno (1548-1600) schon alles Notwendige formuliert: “Es ist Beweis für einen gemeinen und niedrigen Geist, wenn man wünscht, wie die Massen oder die Mehrheit zu denken, nur weil die Mehrheit die Mehrheit ist. Die Wahrheit ändert sich nicht, weil sie von einer Mehrheit der Menschen geglaubt oder nicht geglaubt wird.”
“Eigentum verpflichtet” und “soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen” schreibt unser Grundgesetz. Dem mag so sein, aber es verpflichtet den Einzelnen vor Allem moralisch - und diese Moral stirbt, wo der freie Wille stirbt, wo der Staat Alles und Jedes vorzuschreiben und nach dem Willen einer zunehmend diktatorisch wirkenden “demokratischen” Mehrheit zu regeln und zu diktieren sucht. Mäzenatentum nach angelsächsischem Muster und Ethik und Moral einer Führungselite setzen deren Entscheidungsfreiheit voraus. Sklaven sind weder moralisch noch dem Wohle der Allgemeinheit innerlich verpflichtet.
Gesetzesbrecher und Steuersünder müssen durch die Justiz verfolgt werden, daran führt kein Weg vorbei. “Es ist legitim, dass der Staat seine Ausbeutung verhindert”, schreibt Reinhard Müller. Aber beuten ihn nicht auch jene aus und verstossen gegen ihre Verpflichtungen, die Steuergelder verschwenden, die eine immer höhere Zinslast für die Staatsverschuldung seine Finanzkraft auffressen lassen, und jene, die alle nicht mehr selber für sich und die Ihren verantwortlich sein wollen und lieber auf Kosten der Gemeinschaft leben, jene, denen Arbeiten nicht zumutbar sind, die das Spargelstechen lieber den starken Schultern aus Polen überlassen, jene die denken, nur Eigentum verpflichte, nicht aber auch der Entzug, der Verbrauch, die Vernichtung davon, jene, die immer weniger selber tun wollen und immer mehr von den “Grosskopfeten” fordern, die, die sich immer weniger Gedanken darum machen, was sie für Staat und Gemeinschaft leisten können und immer mehr darum, was der Staat und die Gemeinschaft für sie tun können? Unser Staat muss meiner Meinung nach sehr acht geben, dass er nicht für eine verzweifelnde und zunehmend rechtlose Minorität immer mehr Um- und Zustände schafft, wie sie die amerikanische Unabhängigkeitserklärung bereits bearbeitet: “Wenn aber eine lange Reihe von Mißhandlungen und gewaltsamen Eingriffen auf einen und eben den Gegenstand unabläßig gerichtet, einen Anschlag an den Tag legt, sie (die Bürger) unter unumschränkte Herrschaft zu bringen, so ist es ihr Recht, ja ihre Pflicht, solche Regierungsform abzuwerfen, und sich für ihre künftige Sicherheit neue Gewähren zu verschaffen.” oder mit dem amerikanischen Schriftsteller Edward Abbey: “Ein Patriot muß immer bereit sein, sein Land gegen seine (eigene) Regierung zu verteidigen.” Da mag es dann nicht einmal mehr nutzen, “die Stasi wieder einzuführen” um reaktionäre Elemente in Schach zu halten - DEN Vorschlag hat die erste Abgeordnete der Vereinigten Demokratischen Linken ja schon gemacht.


